Reisebericht Gmunden (Februar 2005)
         
  Straßenbahn-Anfangspackung mit Ergänzungsset

Ein Beitrag von Patrick Hollmann (FSK e.V.)
 
     
  Wenn man die Straßenbahnanlage in Schönberg bei Kiel schon als „Straßenbahn-Anfangspackung“ bezeichnet, dann darf man die Straßenbahn von Gmunden in Oberösterreich getrost „Anfangspackung mit Ergänzungsset“ nennen. Die Strecke ist etwa 2,3 Kilometer lang, eingleisig mit zwei Ausweichstellen und auf einem großen Teil der Strecke auf eigenem Gleiskörper trassiert. Inklusive der Endstellen verfügt sie über acht Haltestellen. Gmunden ist eine 13.000 Einwohner zählende Bezirkshauptstadt im landschaftlich überaus reizvollen Salzkammergut.  
     
 


Bild 1: Gmunden am Traunsee

 
 
  Die Stadt liegt am Traunsee und an der in denselben mündenden Traun.

Gmunden verfügt über zwei Bahnhöfe: Der Hauptbahnhof liegt an der elektrifizierten Salzkammergutstrecke der Österreichischen Bundesbahnen und ist Taktknoten im AustroTakt, dem Integralen Taktfahrplan. Der Seebahnhof (siehe Bild 4) ist Endpunkt der meterspurigen Traunseebahn von Vorchdorf (auch GV-Linie genannt) und einer normalspurigen ÖBB-Bahn von Lambach, die aber über keinen Personenverkehr verfügt. Er ist daher dreischienig erbaut.

Bild 2: Gmunden, Schloss Ort
 

Während sich der Seebahnhof dicht beim Stadtkern direkt am Seeufer befindet, ist der Hauptbahnhof weitab und erheblich höher gelegen. Dies ist auch der Grund für die Existenz dieser kleinen Straßenbahn, die immerhin über 300.000 Fahrgäste im Jahr zu verzeichnen hat.
 
     
 


Bild 3: Gmunden Hbf
 
   
  Wie Gmunden zu seiner Straßenbahn kam - Kurze Geschichte der Bahn

Als der damalige Bürgermeister Gmundens, Alois Kaltenbrunner, den elektrischen Strom zu Beleuchtungszwecken in Gmunden einführte, war die Wirtschaftlichkeit des E-Werks nur durch einen großen Dauerabnehmer zu gewährleisten. Hier bot sich eine elektrische Lokalbahn an, die den weitab gelegenen Rudolfsbahnhof, der heute Hauptbahnhof heißt, mit dem Stadtzentrum verbinden sollte. 1893 beauftragte man das Ingenieurbüro Stern & Hafferl mit dem Bau dieser Bahn. Schon am 13.8.1894 wurde die 2,543 km lange Lokalbahn in Betrieb genommen. Eigentümer war die Gmundner Elektrizitätsaktiengesellschaft, die GEAG, später GEG. Der Betrieb wurde mit anfangs vier elektrischen Triebwagen abgewickelt, die auch teilweise für den Transport von Gepäck eingerichtet waren. Später wurden Fahrleitung und Wagen auf Schleifbügel umgestellt.
Seit 1938 ist die Bahn rechtlich eine Straßenbahn.
Bis 1952 wurden die Fahrzeuge der Anfangsausstattung abgestellt und durch Gebrauchtfahrzeuge ersetzt, u.a. profitierte man von der Einstellung der nahegelegenen Straßenbahn Unterach - See, deren gesamten Triebwagenpark (es waren deren zwei) man übernehmen konnte.
Und seit der Stillegung der Straßenbahn von Ybbs (Spurweite 760mm, Streckenlänge 2,943km, nur 2 Triebwagen Länge 6,55m, Breite 1,85m, Achsstand 2,0m) am 22.9.1953 ist Gmundens Straßenbahn nun die kleinste der Welt.
1961 lieferte Lohner den vierachsigen Großraumwagen GM 8 neu nach Gmunden aus, der ganze Stolz der GEG.
Der bis auf GM 8 völlig überalterte Wagenpark musste dringend ersetzt werden. Aus diesem Grund ergriff man 1974 die günstige Gelegenheit zum Erwerb dreier vierachsiger Großraumwagen von der Vestischen Straßenbahn im Ruhrgebiet, die bereits dicht am Abgrund stand und nach starken Netzamputationen diese Wagen nicht mehr benötigte. Zwei davon gelangten bis 1983 in den Verkehr.
Aber am 6.6.1975 ging es bergab: Die 200m lange Strecke vom Franz-Josef-Platz zum Rathausplatz wurde stillgelegt, weil die stadteinwärts fahrende Tram dem an dieser Stelle besonders starken Autoverkehr entgegenfuhr. Folge dieser Einstellung war ein längerer Fußweg ins Stadtzentrum und ein Einbruch der Fahrgastzahlen. Die Streckenlänge beträgt seitdem nur noch 2,315km.
Auch die Einführung des Einmannbetriebs am 3.7.1978 konnte den weiteren Niedergang nur verlangsamen. Zwar wurde im September 1979 der Betriebsablauf durch Einführung eines Betriebsfunks flexibilisiert, doch 1989 war der GEG die Zahlung des „jährlichen Betriebsabgangs“, also des Defizits, endgültig zu teuer, und sie drohte mit Einstellung. Hier gründete sich der Verein „Pro Gmundner Straßenbahn“, dem es gelang, die Bahn zu retten, indem er sich touristischer Vermarktung, der Formierung eines Bürgerprotests und der Erstellung neuer Verkehrskonzepte widmete und auch bei Reparaturen hilfreich tätig war. Beispielsweise finanzierte er die Generalreparatur des Großraumwagens GM 8 im Jahr 1994 mit, indem er Spendenmittel der seinerzeitigen Herstellerfirmen einwarb. Schließlich sollte der Gmundner Straßenbahn ein Schicksal wie jenes derer in St. Pölten 1975 erspart werden, der wegen einer nicht beglichenen Stromrechnung in Höhe von lediglich 30.000 Schilling (umgerechnet etwa 2.000 Euro) ganz einfach der „Saft“ abgedreht worden war. Der besseren Nutzung zu touristischen Zwecken trug 1995 die Übernahme eines vor 1900 gebauten Sommertriebwagens von der Pöstlingbergbahn in Linz Rechnung, welcher in Gmunden die Nummer GM 100 erhielt.
1995 wurde nicht nur der Beibehalt, sondern auch der (Wieder-)Ausbau der Straßenbahn beschlossen. Man suchte nach einer Beispielstadt ähnlicher Größe, in der die Straßenbahn ebenfalls auf der Kippe gestanden hatte, dort aber mit Anstrengungen erfolgreich saniert, modernisiert und ausgebaut wurde. Die Gmundner wurden in Nordhausen fündig (Dort hatte die sanierungsbedürftige Straßenbahn nach einem später kassierten Regierungsbeschluss 1990 als zu kleiner Betrieb von jeglicher Förderung ausgenommen werden sollen, was einer baldigen Stillegung gleichgekommen wäre). Nachdem 2003 mit dem Nordhäuser Combino 107 erfolgreich Probefahrten auf der Strecke der Linie G und der GV-Linie (dort nach Absenken der Fahrdrahtspannung) durchgeführt wurden, wurde die zweigleisige Verlängerung der Linie G über Rathausplatz und Traunbrücke bis zum Traunseebahnhof und dort die Verbindung mit der GV-Linie beschlossen. Ab 2006 soll ein neuer Betriebshof mit einem Parkdeck auf dem Dach gegenüber dem Hauptbahnhof errichtet und neue Niederflurwagen beschafft werden. Die Verlängerung ist für 2010, die Verbindung mit der Traunseebahn für 2012 angepeilt.
 
   
 


Bild 4: Stern&Hafferl-Tw 23 111 im Gmundner Seebahnhof abfahrbereit nach Vorchdorf,
4. Februar 2005
 
     
     
 


Bild 5: Die Strecke der Gmundner Straßenbahn
 
   
  Eine Bilderreise mit der Gmundner Straßenbahn

Direkt vor dem Hauptbahnhof findet der Besucher auf der gegenüberliegenden Straßenseite die gleichnamige Straßenbahn-Endstelle.
 
     
 


Bild 6: So begrüßt die Gmundner Straßenbahn derzeit noch die aus dem Hbf tretenden ÖBB-Fahrgäste: Tw 8 am 5. Februar 2005
Hier wird künftig der neue Betriebshof der Straßenbahn sein, der in den Hang hineingebaut wird, und dessen Dach als Parkdeck dienen soll.
 
  Gleis und Fahrleitung führen von hier aus noch etwa 100 Meter weiter und dienen als Abstellgleis. Wenige Minuten nach der Ankunft des ÖBB-Zuges beginnt auch die Straßenbahn der Linie G ihre Fahrt in Richtung Stadtzentrum, die zuerst neben der Bahnhofstraße parallel der Eisenbahngleise entlangführt und dann mit der Straße scharf nach rechts abbiegt. Direkt hinter der Kurve liegt die Haltestelle „Grüner Wald“, die aber nur aus einem Haltestellenschild an einem Fahrleitungsmast besteht. Da zwischen Straßenbahn und Straße hier der Bürgersteig liegt, ist nicht einmal ein Bahnsteig nötig. Nachdem die Salzkammergut-Bundesstraße unterfahren ist, führt die Strecke durch industriell geprägtes Gelände bis zum Wahrzeichen der Oberöstereichischen Kraftwerke AG, dem OKA-Turm, ein hoher Uhrturm mit viereckigem Grundriss. Direkt am Fuß des OKA-Turms biegt die Bahn rechts ab und erreicht sofort die Haltestelle „Gmundner Keramik“, die aber auch zusätzlich mit „Kraftstation“ beschildert ist.  
     
 


Bild 7: Tw 9 erreicht die Haltestelle „Gmundner Keramik / Kraftstation“,
5. Februar 2005
 
  Wie letzterer Name schon sagt, befindet sich hier der Betriebshof der Gmundner Straßenbahn mit seiner zweigleisigen kleinen gelben Halle aus der Anfangszeit. Neben der Halle befindet sich eine von zwei Ausweichen der Bahn.  
     
 


Bild 8: Die Ausweiche am Betriebshof. Tw 8 steht vor der Wagenhalle,
5. Februar 2005
 
  Diese ist so kurz, dass das Ausweichgleis komplett als Bogen ausgeführt ist. Ebenfalls befindet sich das einzige Unterwerk hier. Bis zum Ende der Depothalle ist die Bahn quasi durch die Hintergärten gefahren, ab hier quert sie spitzwinklig die Alois-Kaltenbrunner-Straße, der sie auf eigenem Bahnkörper folgt.  
   
 


Bild 9: Tw 9 überquert die Alois-Kaltenbrunner-Straße, hinten rechts wieder Tw 8 am Depot,
5. Februar 2005
 
  Diese Straße ist nach dem Bürgermeister benannt, der Elektrizitätswerk und Straßenbahn erbauen ließ. In diesem Streckenabschnitt stehen noch hübsche, alte Fahrleitungsmaste aus der Gründerzeit.  
     
 


Bild 10: Tw 8 erreicht die Haltestelle „Rosenkranz“, 5. Februar 2005
 
  Dann folgt nach der Haltestelle „Rosenkranz“ die erste starke Gefällstrecke. Die Straße liegt auf diesem Abschnitt etwas höher als die Bahn und ist durch eine Stützmauer von ihr abgegrenzt. Die nun folgende Haltestelle mit Ausweiche „Tennisplatz“ unterbricht kurz das Gefälle. Hier finden die Zugkreuzungen zur HVZ planmäßig statt.  
     
 


Bild 11: Zugkreuzung in der Haltestelle „Tennisplatz“: Tw 9 unterbricht seine Fahrt auf dem Weg bergab ins Stadtzentrum, während Tw 8 mangels wartender Fahrgäste in Richtung Hbf. langsam durchfährt, 4. Februar 2005
 
  Im nun folgenden Abschnitt erreicht das Gefälle mit 10% sein Maximum.  
     
 


Bild 12: Tw 8 fährt vor der Kulisse herrlicher alter Villen die Steilstrecke hinab, 4. Februar 2005
 
  Am Ende der Alois-Kaltenbrunner-Straße biegt die Bahn scharf links in die enge Kuferzeile ein, in der das starke Gefälle endet. Direkt an dieser Kurve liegt das Verwaltungsgebäude von Stern und Hafferl, dem Betreiber von Straßenbahn und Traunseebahn und daneben noch etlichen weiteren Lokalbahnen, Bauunternehmen und Schiffahrtslinien.  
     
 


Bild 13: Tw 8 vor dem Abbiegen aus der Kuferzeile in die Alois-Kaltenbrunner-Straße, am Beginn der Steilstrecke. Links vom Triebwagen ist das Stern & Hafferl-Haus zu sehen. Rechts der beiden Pkw übrigens das Blinksignal. 4. Februar 2005
 
  Die Kuferzeile ist nicht nur sehr eng, sondern auch kurvenreich. Bei der 2004 erfolgten Gleiserneuerung wurde das Gleis etwas von den Hauswänden abgerückt, da in Zukunft breitere Wagen verkehren sollen.  
   
 


Bild 14: Tw 10 in der Kuferzeile, März 1993
 
  An einer Stelle, an der ausnahmsweise noch Platz für ein Stück Bürgersteig war, hat man an der Hauswand ein kleines Blechdach und daran ein Haltestellenschild angeschraubt: Die Haltestelle „Kuferzeile“ ist erreicht. Die Kuferzeile ist stadteinwärts für den Kraftfahrzeugverkehr eine Einbahnstraße. Bei der Gleiserneuerung hat man hier daher für die stadtauswärts dem übrigen Straßenverkehr entgegenfahrenden Bahnen ein gelbes Blinklicht aufgebaut, das die Bahn selbst schaltet. Dies ist bisher die einzige „Ampelanlage“ mit der die Gmundner Straßenbahn in irgendeiner Art zu tun hat. Oft wird aber diese Signalanlage von Autofahrern missachtet, so dass man mitunter ein Auto hinter einer Biegung genau in der Richtung verschwinden sieht, aus der es nur Sekunden später laut klingelt...
Am Ende der Kuferzeile biegt die Bahn spitzwinklig auf die Esplanade ein, der sie auf der dem Traunsee abgewandten Seite folgt.
 
     
 


Bild 15: Tw 8 beim Abbiegen von der Esplanade in die Kuferzeile, dahinter das Gebäude der Bezirkshauptmannschaft Gmunden. 4. Februar 2005
 
  Hier liegt die Haltestelle „B.H. Gmunden“. Dies ist aber nicht das Rotlichtviertel, sondern vielmehr ein Hinweis auf die Bezirkshauptmannschaft, vor deren modernem Gebäude die Haltestelle liegt.  
     
 


Bild 16: Ein Bus der Linie 2 folgt der Straßenbahn auf der Esplanade, 4. Februar 2005
 
  Nach einer weiteren leichten Biegung endet die Fahrt heute am Franz-Josef-Platz, einer Grünanlage am Seeufer.  
     
 


Bild 17: Tw 8 in der Endstelle Franz-Josef-Platz, 4. Februar 2005
 
  Bis 1975 ging es noch 200 Meter weiter zum Rathausplatz. Die Gleise sind verschwunden, aber der Fahrdraht ist bis heute noch da.
An der Endstelle „Franz-Josef-Platz“ konnte eine interessante Einrichtung vorgefunden werden: Eine große viereckige Uhr. Interessant daran war, dass sie stets falsch ging, die Zeiger nie von selbst bewegte und doch immer, wenn ich vorbeiging, eine andere Zeit anzeigte: Des Rätsels Lösung besteht in einer Handlung des Straßenbahnfahrers, der kurz vor Abfahrt mit einem Steckschlüssel die Uhrzeit der nächsten Straßenbahnabfahrt einstellt.
Auf der gesamten Streckenlänge hat die Bahn jetzt übrigens einen Höhenunterschied von 60 Metern überwunden.
 
   
  Die Fahrzeuge

Auch wenn es sich beim vorgestellten Betrieb um den kleinsten der Welt handelt, ist doch die Geschichte des Wagenparks nicht so einfach und kurz geschildert, wie ich zunächst vermutete. Die Ursache besteht in der Zugehörigkeit zum Unternehmen Stern & Hafferl, das erfolgreich ein ganzes Sammelsurium von Lokalbahnen betreibt und Fahrzeuge unter seinen Bahnen rege austauscht(e).
Bemerkenswert ist zunächst, dass die Gmundner Straßenbahn heute über fast genauso viele Museumswagen (2 Stück) wie Planfahrzeuge (3 Stück) verfügt. Intern wird der Wagennummer das Kürzel GM vorangestellt.
Der Betrieb wurde 1984 mit vier elektrischen Triebwagen GM 1 - 4 eröffnet, die auch teilweise für den Transport von Gepäck eingerichtet waren. Die Wagen waren vierfenstrig, die Plattformen offen. Hersteller dieser Erstausstattung war die Firma Rohrbacher. Damals fuhr man in Gmunden noch mit dem Rollenstromabnehmer. Später wurden Fahrleitung und Wagen auf Schleifbügel umgestellt.
1911 lieferte die Grazer Waggonfabrik den Triebwagen GM 5, der heute noch für Sonderfahrten bereitsteht.

 
     
 

Bild 18: Tw 5 in der Bahnhofstraße beim Hbf,
5. Februar 2005

Bild 19: Tw 5 in der Alois-Kaltenbrunner-Str.,
5. Februar 2005
 
  1941 übernahm man von der Straßenbahn Preßburg - Kittsee deren Triebwagen 1534, der in Gmunden die Nummer GM 4II erhielt. Dieser Wagen wurde 1913 von Ganz in Budapest hergestellt. Somit hatte sich in Gmunden auch ein waschechter Ungar eingefunden.

1944 wurde Triebwagen GM 2 als Reservetriebwagen an die nahegelegene und ebenfalls zu Stern & Hafferl gehördende E.L.B.U.S., die Elektrische LokalBahn Unterach - See am Mondsee, die seit 1938 ebenfalls eine Straßenbahn war, abgegeben und von dort der jüngere Triebwagen SM1 2, 1907 in Graz gebaut, übernommen. SM 2 erhielt in Gmunden die Nummer GM 6 .
Nach Einstellung der Straßenbahn Unterach - See 1949 kam 1952 auch der zweite Triebwagen SM 1 der E.L.B.U.S. nach Gmunden, den man hier in GM 7 umbenannte.
Damit war der gesamte Triebwagenpark der Straßenbahn Unterach - See nach Gmunden übergesiedelt! Beide Wagen existieren bis heute, und zwar fahr- bzw. betriebsfähig: GM 6 fährt heute in E.L.B.U.S.-Lackierung als historischer Beiwagen auf der Attergaubahn, GM 7 bei der Museumsstraßenbahn St. Florian bei Linz.
Mit Inbetriebnahme von Tw GM 7 war der Wagenpark der Anfangszeit abgelöst, GM 3 wurde als letzter abgestellt und als Beiwagen an die Attergaubahn abgegeben.

1961 lieferte Lohner den vierachsigen Großraumwagen GM 8. Dieser ist ein absolutes Einzelstück: Er wurde 1961 in DüWag-Lizenz von Lohner gebaut und verfügt als einziger Gmundner über den bekannten DüWag-Antrieb. Obwohl er ein Vierachser ist, besitzt er an beiden Enden die bekannte DüWag-Gelenkwagenfront mit den eingezogenen, blendfreien Stirnfenstern. Auf der „Bahnsteigseite“ verfügt er über drei einzelne DüWag-Falttüren, die über die Wagenseite verteilt sind. Dieser Wagen trug nun die Hauptlast des Verkehrs.
Aber die als Verstärkungs- und Reservewagen dienenden Altwagen verlangten in den siebziger Jahren eine Ablösung. Aus diesem Grund ergriff man die günstige Gelegenheit zum Erwerb dreier vierachsiger DüWag-Großraumwagen des Baujahres 1952 von der Vestischen Straßenbahn im Ruhrgebiet, bei der diese Wagen überzählig waren. Wagen 340, 341 und 347 wurden 1974 angekauft. Während Wagen 340 als Ersatzteilspender diente, wurde 1977 Tw 347 als GM 9 und 1983 Tw 341 als GM 10 nach Umbauarbeiten in Betrieb genommen. GM 9 bringt es dabei nach Auskunft des Fahrpersonals als Reservewagen lediglich auf wenige Einsatztage pro Jahr.
Die Türen der Gebrauchtwagen wurden auf einer Fahrzeugseite durch je zwei Fenster ersetzt, innen mit einer Sitzbank zugebaut. Auf der anderen Wagenseite wird von beiden Doppeltüren nur der jeweils zur Wagenmitte hin gelegene Türflügel geöffnet, der Trittkasten der übrigen Türen ist mit einem Blech abgedeckt.
Alle drei Großraumwagen wurden von Kiepe elektrisch ausgerüstet, wobei die Ausrüstung der Wagen 9 und 10 stark abweicht: Besitzt der Wagen GM 8 einen konventionellen Kurbelfahrschalter, so besitzen die „Vestischen“ einen druckluftgesteuerten Unterflurzentralfahrschalter mit Hebelsteuerung, ein druckluftbetätigtes Hauptschütz, druckluftbetätigte Federspeicher und Türen. Im Vergleich zum Wagen 8 sind sie denn auch beim Personal als wartungsaufwändig und ein wenig störanfällig bekannt.
Alle drei Wagen sind noch für bedarfsweise Schaffnerbedienung durch Pendelschaffner eingerichtet, obwohl sie stets als Einmannwagen eingesetzt werden: Große blaue Einsteckschilder "Schaffnerloser Betrieb. Bitte vorn einsteigen" in den Fenstern weisen darauf hin.
Aber auch dieser Wagenpark kommt jetzt zunehmend in die Jahre. Mit dem Nordhäuser Combino Tw 107 konnte der Beweis für die Einsatztauglichkeit von Niederflurwagen erbracht werden. Dieser Probeeinsatz im Juni/Juli 2003 erstreckte sich nicht nur auf die Gmundner Straßenbahn, sondern auch, nach vorübergehender Verringerung der Fahrdrahtspannung, auf die Traunseebahn nach Vorchdorf.
Als Gegenleistung für den abgegebenen Niederflurwagen wurde GM 100 2004 zur Landesgartenschau in Nordhausen eingesetzt.
Obwohl das Weiterbestehen der Gmundner Straßenbahn seit den 70er Jahren bis in die 90er Jahre immer wieder infrage gestellt wurde, erfreut sich der Wagenpark hervorragender Pflege.
Der Verein "Pro Gmundner Straßenbahn" finanzierte die Generalaufarbeitung des Großraumwagens GM 8 im Jahr 1994 mit, indem er Spendenmittel der seinerzeitigen Herstellerfirmen Bombardier (heutiger Eigentümer von Lohner) und Kiepe einwarb. Dabei wurde auf eine originalgetreue Restaurierung dieses historisch wertvollen Unikats geachtet.
1994 feierte man „Gmundens steilstes Fest“, den hundertjährigen Geburtstag der Straßenbahn u.a. mit einem offenen historischen Sommerbeiwagen (!) aus Klagenfurt. Die Fahrten mit diesem Beiwagen waren ein riesiger Erfolg, und so schmiedete man Pläne, einen solchen Triebwagen zu beschaffen. Die Linzer Verkehrsbetriebe waren bereit, einen ihrer 1898 gebauten Sommertriebwagen der Pöstlingbergbahn als Dauerleihgabe der Stadt Gmunden zu überlassen. Bei ihm mussten die doppelten Spurkränze abgedreht und die Zangenschienenbremse durch eine Magnetschienenbremse ersetzt werden; außerdem wurde eine modernen Straßenbahnvorschriften gemäße Beleuchtung und ein statischer Umformer eingebaut. Dabei verwendete die Stern & Hafferl - Hauptwerkstätte Vorchdorf historische Scheinwerfer, Winkerlampen und Liniensignale, die man im Lager noch gefunden hatte. Der Stangenstromabnehmer wurde gegen einen drehbaren Lyrastromabnehmer ausgetauscht. Schließlich erfolgte noch eine Neulackierung in Karminrot/Weiß. Als GM 100 ging der Wagen 1995 in Betrieb.
Außerdem gibt es einen Vorbauschneepflug, eine fahrbare Leiter und einen Reserve-Stromabnehmer, der außen an der Remise aufgehängt ist.

 
   
  Wagenparkstatistik  
 
Wagennummer Baujahr Hersteller Bem.
GM 1 - 4 1894 Rohrbacher 2x-Tw, anfangs offene Plattformen,
Stangenstromabnehmer, später Schleifbügel;
GM 1: 1949 abgest., 1954 = a
GM 2: 1944 = E.L.B.U.S.2 Reserve-Tw SM1 2II (Tausch gegen SM 2, s.u.), 1949 abgest., 1952 = VA3 Beiwagen 20.204, 1960 = 26.204,1962 = a;
GM 3: 1952 abgest., 1955 = VA Beiwagen 20.205, 1960 = 26.205, 1975 Fahrgestell = VKEF4
GM 4: 1935 abgest. 1950 = a
GM 5 1911 Grazer Waggonfabrik/ SSW 2x-Tw, halbgeschlossene Plattformen, betriebsfähig
GM 4II 1913 Ganz Budapest 2x-Tw, 1941 ex Preßburg-Kittsee Tw 1534, a nach 1977
GM 6 1907 Grazer Waggonfabrik 2x-Tw, 1944 ex E.L.B.U.S. SM 2, 1961 abgest., 1962 = Beiwagen VA 20.220, heute in hist. E.L.B.U.S.-Lackierung, betriebsfähig
GM 7 1907 Grazer Waggonfabrik 2x-Tw, 1952 ex E.L.B.U.S. SM 1, nach 1977 = Museumsbahn St. Florian Tw 7, betriebsfähig
GM 8 1961 Lohner / Kiepe 4x-Tw, betriebsfähig
GM 9 1952 DüWag / Kiepe 4x-Tw, 1974 ex Vestische Straßenbahn 347, Einsatz seit 1977, betriebsfähig
GM 10 1952 DüWag / Kiepe 4x-Tw, 1974 ex Vestische Straßenbahn 341, Einsatz seit 1983, betriebsfähig
GM 100 1898 Grazer Waggonfabrik 2x-Tw, offener Sommerwagen, 1995 ex Linz Pöstlingbergbahn IV, betriebsfähig
340 1952 DüWag / Kiepe 4x-Tw, 1974 ex Vestische Straßenbahn 340, Ersatzteilspender, kein Einsatz, a
 
     
  Leihfahrzeuge mit kurzzeitigem Einsatz in Gmunden:
  • Tw 107: Niederflur-Gelenkwagen "Combino", Bj. 2002, Eigentum Stadtwerke Nordhausen, 30.06.2003 bis 06.07.2003 leihweise im Einsatz zu Erprobungszwecken, auch im Linienverkehr.
  • Sommerbeiwagen der Museumstramway Klagenfurt, 1994 zum 100-Jährigen.
 
   
  Betriebsablauf

Der Fahrbetrieb beginnt werktags außer Samstag um 5.00, an Samstagen um 5.55 und an Sonn- und Feiertagen um 7.00 Uhr, wenn der erste Wagen vom Depot in Richtung Franz-Josef-Platz ausrückt. Von wenigen Abweichungen abgesehen, fährt die Bahn mit einem Triebwagen den ganzen Tag über im 30-Minuten-Takt. In den HVZ wird der Takt auf 15 Minuten verdichtet. Dann ist ein zweiter Wagen im Einsatz. Wenn dies der Fall ist, dürfen beide Wagen maximal mit der höchsten Serienfahrstufe fahren, um die Stromversorgungsanlage nicht zu überfordern.
Planmäßig kreuzen sich die Kurse in der Ausweiche Tennisplatz, bei Verspätungen aber natürlich auch am Betriebshof. Die Kreuzungsabstimmung erfolg per Funk. Die vier Weichen an den Kreuzungsstellen sind Rückfallweichen mit elektrischer Weichenheizung, zudem sind noch zwei normale Handweichen im Betriebshof vorhanden.
Die Fahrzeit für die Gesamtstrecke beträgt lediglich neun Minuten, so dass sich an den Endstellen meist fünf bis sechs Minuten Pause ergeben. Auch eine Art „Schnellinie“ gibt es in Gmunden: An Schultagen außer Samstagen verkehrt um 7.35 Uhr eine zusätzliche Fahrt vom Hauptbahnhof zum Betriebshof ohne Halt! Gleiches geschieht an Werktagen außer Samstagen um 18.27 Uhr. An den Haltestellen Rosenkranz und Franz-Josef-Platz besteht Anschluss zu Ortsbuslinien. Betriebsschluss ist um 20.50 Uhr, wenn der letzte Wagen vom Franz-Josef-Platz einrückt, am 24. und 31. Dezember bereits um 19.55 Uhr, denn dann rückt der Wagen vom Hauptbahnhof als Dienstwagen ein.
Etwas verspätete ÖBB-Züge von Attnang-Puchheim werden in der Regel abgewartet. Wird dadurch die Verspätung der Straßenbahn zu groß, so fällt ganz einfach irgendwann eine Hin- und Rückfahrt aus, und es geht planmäßig weiter!
Der gesamte Personalbestand setzt sich aus fünf Fahrern zusammen. Die Fahrer, die gerade nicht im Fahrdienst eingesetzt sind, führen die Wartungs- und Reparaturarbeiten an den Fahrzeugen durch.
Große Umbauten und Reparaturen werden in der Stern & Hafferl- Hauptwerkstätte Vorchdorf ausgeführt.
 
     
  Literatur

Lehnhart, Hans: „Straßenbahn Unterach - See“, in: Strassenbahn Magazin, Heft 7, Stuttgart
1973

Lehnhart, Hans: „Stern & Hafferl - Bahnen: Lokalbahn Vöcklamarkt - Attersee“, in:
Strassenbahn Magazin, Heft 11, Stuttgart 1973

Lehnhart, Hans: „Stern & Hafferl - Bahnen: Ergänzungen und Berichtigungen“, in:
Strassenbahn Magazin, Heft 26, Stuttgart 1977

 
   
  Noch ein Bilderbogen  
     
 

Tw 8, Esplanade,
4.2.2005

Führerstand Tw 8, Hbf,
4.2.2005

Tw 8, Esplanade,
4.2.2005
 
     
     
 
Tw 8, A.-Kaltenbrunner-Str.,
5.2.2005

Innenraum Tw 8, Hbf,
4.2.2005
Tw 8, Tennisplatz,
4.2.2005
 
     
     
 

Die drei Plantriebwagen der Gmundner Straßenbahn am selben Tag: Tw 8, 9 und 10. Hier sieht man, dass die Wagen für die Depothalle wirklich nicht länger hätten sein dürfen.
5.2.2005
 
     
     
 

Tw 9 am Beginn der Steilstrecke, 4.2.2005

Tw 8 und 5, Franz-Josef-Platz, 5.2.2005
 
     
     
 

Tw 5, Franz-Josef-Platz, 5.2.2005

Tw 5 in der Steilstrecke, 5.2.2005
 
     
     
 

Zum Abschied noch zwei Nachtaufnahmen vom Tw 8, Franz-Josef-Platz, 5.2.2005
 
     

 
  1 SM steht für die Gemeinde See am Mondsee
2 E.L.B.U.S.: Elektrische LokalBahn Unterach - See, Stern & Hafferl, stillgelegt 18.9.1949
3 VA: Elektrische Lokalbahn Vöcklamarkt - Attersee „Attergaubahn“, Stern & Hafferl
4 VKEF: Verein Klagenfurter EisenbahnFreunde